Matthäus 28, 1-10 – Osternacht
1 Nach dem Sabbat, beim Anbruch des ersten Tages der Woche, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Sein Aussehen war wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. 4 Aus Furcht vor ihm erbebten die Wächter und waren wie tot. 5 Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. 6 Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch den Ort an, wo er lag! 7 Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden und siehe, er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Sogleich verließen sie das Grab voll Furcht und großer Freude und sie eilten zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden. 9 Und siehe, Jesus kam ihnen entgegen und sagte: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße. 10 Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen.
Impuls
Es gibt Tage im Jahr, da bin ich an der Nordseeküste. Vorwiegend in den Zeiten, wenn die Touristen um diese Gegend einen großen Bogen machen. Da kommt es dann vor, dass einem stundenlang niemand begegnet. Ich erinnere mich sehr gut an einen Marsch über den Deich, den ich vor vielen Jahren unternommen habe. Mit kraftvollem Schritt mühte ich mich, Meter um Meter auf dem Deich zu machen. Die Trägheit meiner Masse war mir dabei stets etwas im Weg und so begann der Weg, mühsam zu werden.
Plötzlich sah ich in der Ferne eine Gestalt. Sie war ortsüblich gekleidet, das konnte man auf den ersten Blick sehen. Blaue feste Jacke, eine weite Hose, die um die Beine flatterte, eine Schiffermütze auf dem Kopf – die Größe gerade so bemessen, dass es ein wärmendes Luftpolster um die Schädeldecke gab und doch klein und kompakt genug, um dem Wind keinen hinreichenden Widerstand zu bieten. Ich stapfte weiter durch den Wind dem Man entgegen. Er bewegte sich auch, doch deutlich langsamer. Als wir uns begegneten, sagte er nur „moin“. Mehr nicht. Ich war mit Ostfriesen noch nicht so vertraut und wunderte mich, dass mich ein alter Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, grüßte. Noch dazu an diesem einsamen Ort. Doch ich hatte schon gehört, dass „moi“ im Plattdeutschen „gut“ bedeutet. Das kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit wünschen. Mir begegnete also in der Fremde und Einsamkeit ein alter Mann, der mir vorbehaltlos Gutes wünschte. Völlig verdattert erwiderte ich seinen Gruß in gleicher Weise und stapfte weiter.
Exakt fünf Meter weiter. Dann blieb ich stehen und sah dem Mann hinterher. Er ging gemächlich, blieb immer wieder stehen, sah hierhin, sah dorthin, hob den Blick mitunter und setzte dann seinen Weg fort. Ab diesem Zeitpunkt bin ich nie wieder über den Deich gespurtet. Ich habe meine Schritte deutlich verlangsamt. Und ich nahm immer mehr wahr. Ich lernte, die Rufe der Möwen zu unterscheiden. Ich hörte unterschiedliche Winde. Ich spürte intensiver, was mich umgab. Ich begann, das Meer zu lesen. Später, bei Ebbe, sah ich nicht nur auf das Watt, sondern konnte etwas von dem Leben darin sehen. An all dem wäre ich mit altem Tempo wahrnehmungsfrei vorübergegangen.
Was wäre, wenn mir Gott heute begegnete? Was könnte ich dann alles wahrnehmen? Wäre ich von Furcht durchdrungen oder so beruhigt wie damals auf dem Deich? Geerdet, aus der Hektik genommen, die ich mir persönlich aufgedrückt hatte? Befreit und beruhigt? War nicht das „moin“ so etwas wie ein „fürchte dich nicht“? Haste nicht durch das Leben, denn man kann es dir nicht nehmen.
In der Osternacht begegnet Jesus den Frauen und später dann den Männern. Er sagt ihnen, dass der Tod nicht der Schluss ist. Und er begegnet uns allen auch heute auf unserem Lebensweg und macht kurz und knackig klar, dass wir uns getrost mit dem Leben beschäftigen können. Mit unserem, mit seinem und mit dem, welches uns verheißen ist.
Frohe und gesegnete Ostern.
Tim Wollenhaupt