Johannes 10, 1-10 – 4. Sonntag der Osterzeit
1 Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. 2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. 3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. 4 Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. 5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. 6 Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte. 7 Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. 9 Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
Impuls
„Sheep crossing“. So etwas findet man in Irland in großen Buchstaben mitten auf der Fahrbahn. Schafe haben in Irland Vorfahrt. Das Land ist so groß und so weit, dass sie ungehindert über die verschiedenen Grüngebiete laufen können. Das müssen sie auch, denn das Land ist in einigen Gegenden recht karg. Da muss man schon Strecken bewältigen, wenn genügend Gras gefunden werden soll. Von Schäfern sieht man meist nichts. Die Schafe tragen bisweilen grellbunte Markierungen auf dem Fell, damit sie später, wenn sich verschiedene Herden vermischt haben sollten, auseinandergehalten werden können.
In gewisser Weise kommen mir diese freien Schafe so vor, als hätten sie den letzten Halbsatz verstanden und verinnerlicht. Sie bewegen sich frei, sie vertrauen auf Nahrung und Schutz. Selbst auf der Straße. Nicht, weil sie den Schäfer hören, sondern weil für Nahrung und Schutz auch ohne ihr Zutun längst gesorgt ist. So klingt eine Idealvorstellung.
Natürlich bleibt es nicht so ideal. Manche Mauer muss überwunden werden. Mauern in Irland sind meist aus Steinen zusammengefügt und kommen ohne Mörtel aus. Das ist ein unsicherer Grund, der nur dazu dient, die Gemarkungen zu trennen. Entsprechend kann sich ein Schaf verletzen. Und selbstverständlich gibt es trotz der großen Buchstaben auf den Straßen auch Unfälle. Der Schutz ist also trügerisch, die Freiheit letztlich auch begrenzt. Regelmäßig wird auch ein Schäfer nach den Tieren sehen, doch kann er nicht gleichzeitig an allen Stellen sein. Die Herden stört das offenbar nicht. Sie grasen gelassen weiter. Und sollten sie als große Gruppe gerade Gefallen an einer soliden Straße finden, dann bleiben sie dort, solange sie wollen. Hupen ist in solchen Fällen der falsche Weg.
Was wäre eigentlich, wenn wir als Menschen mit dieser gelassenen Ruhe auf Gott vertrauen könnten? Hätte irgendjemand einen Nachteil davon? Wenn wir wirklich darauf vertrauten, unendlich geliebt zu sein, egal, was wir tun, wie wir sind und vor allem unabhängig davon, ob und wieviel wir leisten? Es gäbe keinen Wettbewerb. Es gäbe kein Streben nach Macht und Besitz, denn wie ein Schaf wären wir zufrieden, wenn wir einen ausreichenden Platz und genügend Nahrung haben. Ja, das ist eine reine Utopie. Und längst ist klar, dass wir eine erheblich kompliziertere Spezies sind als Schafe. Das bedeutet auch, dass wir uns ganz bewusst dazu entscheiden, persönliche Macht abzugeben und zu übertragen – zumindest auf Zeit. Staatsräson und Demokratie nennen wir das. Diese Demokratie muss auch solide aufgestellt sein, damit sie als System lebensfähig ist und bleibt, damit sie kein anderer Staat einfach anhupen kann.
Und doch wäre mir wohler, wenn wir zum Teil Schafe sein könnten. Denn es nähme Druck aus dem individuellen und dem staatlichen Handeln. Wenn wir uns darauf verlassen könnten, dass die Episode, die wir hier auf Erden verbringen, kein Wettbewerb um Güter und Macht wäre, sondern ein Vorgeschmack des Himmels, das wäre was.
Warum eigentlich Konjunktiv? Wir haben alle Sicherheiten, die wir brauchen. Wir haben Gottes Zusagen. Wir können schon heute gelassen sein. Weil man uns zwar viel nehmen kann, aber nicht das, was uns Gott geschenkt hat: Die Gewissheit, über jede Grenze hinweg in ihm geborgen zu sein. Neulich hat eine Dame durch ein Astloch einer Holzbohle fotografiert. Hinter dem Astloch hielt eine andere Dame ihre Hand offen nach oben. Die Definition lautete: Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Das Bild war stark, die Aussage lebte exakt von dieser Gewissheit. Und sie war kein Konjunktiv, sondern Überzeugung. Ich war und bin noch immer dankbar für diesen Moment.
Von einem Schaf unterscheidet mich viel. Sogar offenkundig, wenn man meinen Nachnamen in Beziehung zum Tier setzt. Und doch: Diese Gelassenheit eines irischen Schafes auf der Straße kann durchaus ein Vorbild sein und dieses Evangelium illustrieren.
Leben Sie in Sicherheit und genießen Sie jeden Grashalm.
Tim Wollenhaupt