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… ihr seid in mir und ich bin in euch.

Zum Sonntag, 10.05.2026

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Johannes 14, 15-21 – 6. Sonntag der Osterzeit

15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16 Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19 Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. 20 An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. 21 Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Impuls

„Die Intention des Autor ist es, zu zeigen…“ Ein typischer Beginn in einer Deutschklausur. Lesende Schülerinnen und Schüler sollen die Absicht herausarbeiten, die hinter den Worten einer Autorin oder eines Autors liegt. Dazu müssen sie sich in den Text einfühlen, in die beschriebene Situation, womöglich in die beschriebene Gefühlswelt und den erzählten Wissenshorizont. Das ist schon schwer genug. Im Abgleich mit den eigenen Erfahrungen und dem, was man im Gesamtkontext zu Text und schreibendem Menschen festzustellen hat, gelangt man dann zu einer möglichen Absicht, die hinter einem Text eigentlich steht. Wenn man Glück hat. Häufig genug bleibt es bei Ahnungen, die gerne in ganz falsche Richtungen gehen – jedenfalls dann, wenn man es mit dem vergleicht, was eine Autorin oder ein Autor selbst zum Text sagt.

Und bei Gottes Wort? Wie sieht es mit der Auslegung des Textes aus? Hier weiß Jesus offenbar und mäßig überraschend mehr als seine Begleitenden. Er verkündet ihnen das Wirken des Heiligen Geistes, er sagt ihnen zu, in ihnen weiterhin zu wirken, obgleich er nicht mehr sichtbar ist. Muss man das auslegen? Kann man das überhaupt erklären? Oder lässt sich das einfach nur erfahren?

Wenn mich jemand umarmt, einfach, weil er spürt, dass ich das gerade brauche – wirkt dann der Heilige Geist? Weil mir Liebe geschenkt wird, ohne, dass ich etwas sage? Wenn ich in einer hitzigen Situation Ruhe ausstrahle und alles langsam abkühlt – handelt dann in mir Geist? Oder ist es nur mein schnödes, aber schönes, Harmoniebedürfnis? Handle ich dann aus Liebe zu Gott und bin ich mir dann dessen bewusst, dass ich Gottes Liebe erfahre?

Meist habe ich gar nicht so viel Zeit, um in jeder Situation auch noch daran zu denken. Vielfach handle ich spontan und manchmal gibt es im Lächeln eines Gegenübers eine sofortige nette Antwort. Und ja: Dann kann es durchaus sein, dass ein wenig Liebe spürbar wird, auch unter Wildfremden. Dann kann es durchaus sein, dass etwas von einem gemeinsamen Geist geprägt zu sein scheint, was auf Erden geschieht.

Vor ein paar Stunden bin ich im Auto unterwegs gewesen. An einem Zebrastreifen wartete ein Mädchen auf einem Roller und unsicherem Blick, ob ich stehen bliebe. Ich bremste langfristig und kam langsam zum Stehen. Man könnte sagen, dass der erhobene Arm des Mädchens angelerntes Handeln war. Das Lächeln im Gesicht war nicht angelernt. Das Lächeln machte deutlich: „Ich bin wahrgenommen und verstanden worden.“ Gott hat nicht am Zebrastreifen gewirkt, um dem Mädchen den Vorrang zu sichern. Aber im Lächeln des Kindes leuchtete für einen Bruchteil etwas von dem auf, was über die Beachtung von Verkehrsregeln hinausgeht. Und dieses Lächeln fällt mir jetzt wieder ein, wenn ich über das Wort Gottes nachdenke.

Ihnen und mir wünsche ich immer wieder ein menschliches Lächeln, in dem eine Spur Seines Geistes aufblitzt.

Tim Wollenhaupt