Johannes 14, 1 – 12 5. Sonntag der Osterzeit
Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? 3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. 4 Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr. 5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen? 6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. 7 Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. 8 Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. 9 Jesus sagte zu ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. 11 Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke! 12 Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.
Impuls
„Ganz die Mama“ oder „ganz der Papa“ – meist hört man diesen Ausruf, wenn sich Erwachsene in Kinderwagen beugen. Bisweilen auch deutlich später. Beliebt auch: „wie der Vater, so der Sohn“. Oder die Feststellung: „Das Kind ist dir ja wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Gut, das möchte ich mir jetzt nicht wörtlich vorstellen, denn diese Vorstellung rangiert irgendwo zwischen Operationssaal und Schrumpfkopf. Nicht schön.
Wir erkennen optisch und im Wesen Ähnlichkeiten über Generationen hinweg. Was das Wesen anbelangt ist das meist wenig überraschend, denn Verhaltensweisen werden von den Vorbildern angenommen und ins eigene Leben überführt. Bei den Ähnlichkeiten ist das schwieriger. Ohrformen, Gesichtsproportionen, die Beschaffenheit von Händen oder das muskuläre Erscheinungsbild ist meist das Ergebnis von natürlichen Prozessen, die wir bis heute zwar beobachten, aber kaum in Gänze erklären können. Und ganz ehrlich: Wenn der bezaubernde Augenaufschlag oder eine angenehme Stimme in der nachfolgenden Generation eine Neuauflage erlebt, finde ich das recht schön. Schade finde ich es, wenn eine unliebsame Eigenart der Vorgängergeneration auch in Kindern auflebt. Es hätte schon bei der ersten Generation nicht sein müssen. Statt zur Begrenzung kommt es dann zur Vervielfältigung.
Bei den Ähnlichkeiten suchen wir meist gar nicht. Sie fallen uns auf. Und damit könnte es manchmal sein, dass wir uns auf die Ähnlichkeiten konzentrieren, nicht aber auf die Individualität. Denn bei allen Übereinstimmungen: Die nachfolgende Generation wird ganz anderen Herausforderungen begegnen müssen als die Vorgängergeneration. Nicht notwendigerweise sind diese Herausforderungen schwerer oder leichter – aber anders. Das kreative Potenzial wird in anderer Weise zur Geltung kommen. Und selbst bei Einzigartigkeiten neigen wir wieder dazu, genau das zu betonen, was Ähnlichkeiten darstellt. „Das hätte deine Mutter/dein Vater ganz genauso gemacht.“ „Das hat schon deine Oma immer so gesagt.“
Gott schenkt uns Talente. Er betont die Verschiedenartigkeit der Menschen und doch liebt er jeden gleich. Die Individualität scheint gerade das aus Gottes Sicht Wünschenswerte zu sein. Er beschenkt uns mit einer Würde, die uns nicht genommen werden kann. Ganz egal, wie das individuelle Leben verläuft, wie lange es dauert und wem auch immer es möglicherweise ähneln könnte: Wir sind geliebt. Das ist die eigentlich bemerkenswerte Ähnlichkeit. Wir sind sogar dann geliebt, wenn wir von Gott gar nichts wissen wollen.
„Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Dieser Satz Jesu bezieht sich wohl kaum auf äußere Ähnlichkeiten oder darauf, dass Gott ebenfalls ein Mann sein könnte. Jesus begegnet der Welt mit Liebe. Diese Liebe ist für die Menschen in seiner Nähe erfahrbar. Aus ihrer Liebe sollen sie lernen und auf die Welt zugehen. Ebenso, wie Lebensraum bei Gott geschaffen wird, sollen die Menschen für das liebevolle Leben im Raum sorgen. Gerne auch auf Erden.
„Ganz der Vater.“ Was wäre, wenn wir das sagen, und damit meinen, die gerade beobachtete menschliche Handlungsweise entspräche göttlicher Zuwendung? Das wäre ein ziemlich starkes Kompliment.
Ihnen und mir wünsche ich die Fähigkeit, außer nach den eigenen Vorfahren auch nach Gott zu kommen.
Tim Wollenhaupt