Matthäus 21, 33 – 44 – 27. Sonntag des Jahreskreises
Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. 34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. 35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie. 36 Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. 37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. 38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen. 39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. 40 Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun? 41 Sie sagten zu ihm: Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. 42 Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, / er ist zum Eckstein geworden; / vom Herrn ist das geschehen / und es ist wunderbar in unseren Augen? 43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt. 44 Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen.
Impuls
Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin ein Sohn. Und ich bin auch Erbe. Gerade deswegen lese ich dieses Gleichnis mit einem großen Anteil persönlicher Betroffenheit.
Zunächst bin ich überrascht und verstört. Da schickt der Gutsbesitzer Knechte, diese werden misshandelt und umgebracht. Dann schickt er mehr Knechte, die ebenfalls misshandelt und umgebracht werden. Da frage ich mich: Was sind denn bitte die Rechtsfolgen dieses Handelns? Eine Art Polizei oder ein Gericht scheint es für die Winzer nicht zu geben. Und andererseits? Was ist das für ein Gutsbesitzer, den es offenkundig nicht sonderlich kümmert, wenn seine Knechte ermordet werden? Sieht so Personalverantwortung aus? Diese Episode lässt mich doch einigermaßen verunsichert zurück. Denn bis hierher regiert fröhlich die Ungerechtigkeit.
Danach schickt der Gutsbesitzer seinen Sohn. Das ist mir mehrfach passiert. Schon als kleiner Junge war ich, juristisch gesehen, Bote. Als solcher sollte ich am Kiosk eine Fernsehzeitung holen. Und für den Restbetrag eine Tüte Gemischtes. Sie kennen das. Alle sind glücklich. Der Kioskbetreiber wegen des Umsatzes, Papa, weil er nicht zu laufen brauchte, ich wegen des bevorstehenden Zuckerschocks. Pädagogisch und ernährungswissenschaftlich fragwürdig, aber dennoch für alle eine Win-Win-Situation.
Auch damit rechnet der Gutsbesitzer nicht wirklich. Im Gegenteil, er hofft lediglich darauf, dass die Winzer „Achtung“ vor dem Sohn haben. Nicht als Person mit eigener Würde, sondern weil sie in ihm den Stellvertreter des Gutsbesitzers erkennen und dessen Würde auf den Sohn übertragen. Auch dieser Schluss lässt mich nachdenklich zurück, wenn ich auf den Artikel 1 unseres Grundgesetzes blicke.
Die Winzer ermorden auch den Sohn. Die Vermutung des Vaters geht nicht auf. Nun stelle ich mir vor, dass der Gutsbesitzer Gott ist. Er kann über seine Schöpfung nicht nur frei verfügen, als allmächtiger Schöpfer kann er ermordete Knechte auch sofort ersetzen. Möglicherweise erklärt sich so eine tendenzielle Lässigkeit im Text. Und auch der Sohn, Jesus, ist nach unserer Lesart der Dreifaltigkeit ein Teil Gottes selbst. Er kann nicht vernichtet werden und nach christlicher Überzeugung besiegt Gott den Tod. Das eigentliche Erbe, die eigentliche Frucht der Winzer sind nicht Reichtum und Besitz, Rausch und Traubenernte, sondern das Leben selbst. Gott legt dieses Leben in unsere Hand. Und wie die Winzer können wir es in seinem Sinne nutzen oder es lassen. Das Evangelium erinnert uns daran, dass wir das Leben nie besitzen werden, sondern dass es stets Gottes Geschenk bleibt.
Guter Gott, wie wäre es, wenn Du der Menschheit nicht nur das Leben auf Zeit schenktest und ihr das ewige Leben verheißt, sondern wenn da noch eine Spur Weisheit mit zur Gabe gehörte? Wenn die Menschheit die Würde von allein erkennen könnte und sich beizeiten dazu durchränge, sie zu achten – wäre das nicht auch für Dich etwas einfacher?
Ach, ich vergaß: Du bist ja allmächtig. Im Zweifel schaffst Du Dir einfach neue Winzerinnen und Winzer. Ihnen und mir wünsche ich viel Glück und Weisheit im jeweilig eigenen Weinberg. Und bleiben Sie in Gottes Namen lebendig.
Tim Wollenhaupt